Guntram Proß (AfD) „Wieso sollte jemand keine Holocaustleugnung äußern dürfen?“
Am 14. Juni 2026 beklagte Guntram Proß (laut X-Profil zu dieser Zeit AfD-Kreisrat im Rhein-Neckar-Kreis) den geplanten restriktiven Jugendschutz in Großbritannien in Bezug auf soziale Medien. Nur Bluesky sei ausgenommen, und ausgerechnet dort sei die Zensur am stärksten.
Ausgerechnet Bluesky
Transkription
Guntram Proß @GuntramPross
Mit Bluesky wurde ausgerechnet jene Plattform vom Verbot für unter 16-Jährige in UK ausgenommen, auf der die größte Zensur herrscht.
Jetzt weiß auch der Letzte, dass es nie um Jugendschutz ging, sondern ausschließlich darum, die Jugend von der Wahrheit fern zu halten.
9:15 PM · Jun 14
Auf der Plattform X, wo Proß dies gepostet hat, findet man nicht nur Wahrheiten, sondern auch viele Unwahrheiten. Seit Elon Musk die Plattform übernommen hat, sind Holocaustleugnung und Antisemitismus dort meiner Erfahrung nach deutlich stärker sichtbar als früher.
Wenn man wie Proß eine möglichst große Freiheit von Zensur fordert, muss man bedenken, dass auf X und auch anderswo die (auch jugendlichen) Benutzer mit diesen Erscheinungen konfrontiert werden.
Für verantwortungsbewusste Bürger kann es zum Schutz der Jugend nur eine Antwort geben: Wo der Staat nicht eingreift, sondern Menschenfeinde ungehindert reden lässt, muss ich selbst aktiv werden und Holocaustleugnern und Antisemiten mit meinen Argumenten entgegentreten. In einem demokratischen Gemeinwesen muss der Ruf nach größerer Freiheit mit größerer Selbstverantwortung der Bürger einhergehen.
Überraschung
Auf die Frage, wo Proß und seine Partei auf X diese Verantwortung übernehmen und Holocaustleugnern und Antisemiten energisch widersprechen, gab der AfD-Politiker eine verblüffende Antwort.
Uneingeschränkte Redefreiheit auch für Leugner?
Transkription
Guntram Proß @GuntramPross
Ich bin Verfechter einer uneingeschränkten Meinungsfreiheit. Wieso sollte jemand keine Holocaustleugnung äußern dürfen? Darf doch jeder sehen, dass es Idioten gibt, wo ist Ihr Problem?
5:43 PM · Jun 15, 2026
Das Problem könnte unter anderem der Jugenschutz sein, und wenn man für uneingeschränkte Redefreiheit eintritt, gilt das oben Gesagte. Die Bürger müssen selbst aktiv werden, wo der Staat nicht einschreitet. Diesem Punkt ist Proß mit seiner Antwort ausgewichen.
Außerdem ist seine Antwort auf eine höchst bedenkliche Weise schief. Der Holocaust ist nicht Meinungssache, sondern Tatsache. Wer den Holocaust leugnet, äußert keine Meinung, sondern steht im Konflikt mit der Realität [vgl. „Revisionismus“].Wenn der AfD-Politiker meint, auf den in Großbritannien restriktiv behandelten Plattformen, wozu auch X gehört, sei die Wahrheit zu finden, dann müsste er doch umso mehr bereit sein, den Jugendlichen Orientierungshilfen zu geben und ihnen genau zu erklären, was seiner Ansicht nach wahr und was unwahr sei.
Auf eine zweite Nachfrage, er möge doch bitte zeigen, wo er und seine Partei auf X aktiv gegen Holocaustleugnung und Antisemitismus argumentieren, antwortete er nicht mehr.
Noch eine Überraschung
Als die AfD angegriffen wurde, fand Guntram Proß jedoch sehr klare Worte.
Klare Worte gegen „Revisionismus“
Transkription
Guntram Proß @GuntramPross
Diese Angriffe werden durch Leute wie Sie legitimiert. Ihre ständige Hetze gegen die AfD, die Sie in die Nähe des Nationalsozialismus rücken, was geschichtsrevisionistisch ist und die beispiellosen Verbrechen der Nazis maximal verharmlost, ermuntern Extremisten erst, gewalttätig zu werden.
Sie sind mitschuld! [Fett im Original]
12:33 PM · May 10, 2024
Ich lese hier: Wer Geschichtsrevisionismus betreibe, fördere Gewalt. Auf X gibt es Holocaustleugner. Die fördern demnach ebenfalls die Gewalt. Guntram Proß: Lasst die Idioten reden, wo ist das Problem?
Dies hier soll zur Illustration reichen, es gäbe noch weitere Beispiele. Anscheinend ist Guntram Proß nur dort gegen (vermeintlichen) Geschichtsrevisionismus, wo es darum geht, seine Partei zu verteidigen. Offene Holocaustleugnung ist für ihn dagegen kein Thema.
Ein Blick ins Profil
Im X-Profil des Politikers kann man sehen, dass er sich einen lateinischen Spruch zu eigen macht.
Etiam si omnes, ego non; sinngemäß: Auch wenn alle mitmachen, ich nicht.
Bekannt wurde der Spruch auch durch die Familie von Boeselager. Er ist auf ihrem Haus im Ahrtal zu sehen. Philipp Freiherr von Boeselager war Mitglied der Widerstandsgruppe, die am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler verübte.
Mit diesem Wahlspruch positioniert sich Proß sehr klar gegen das NS-Regime. Dieses veröffentlichte Selbstbild ist ein weiterer Grund, entschieden gegen alle aufzutreten, die das NS-Regime entlasten wollen.
Guntram Proß lässt viele Gelegenheiten verstreichen, seine innere Haltung äußerlich zu verwirklichen.
Mag aber sein, dass er ganz andere Probleme hat als dieses.
Update 11.09.2026
Am 10.09.2026 formulierte Guntram Proß einen massiven Angriff gegen die Grünen:
„Totalitäre Antidemokraten“
Transkription
Die Grünen fordern einen Auszahlungsstopp der EU-Fördermittel an Sachsen-Anhalt. So soll die Bevölkerung erpresst werden, damit sie beim nächsten Mal "richtig" wählt. Die Grünen sind totalitäre Antidemokraten.
Konfrontiert mit der Frage, ob er tatsächlich die Grünen für schlimmer halte als die Leugner, meinte Guntram Proß:
Harmlose Spinner
Transkription
Wer fügt dem deutschen Volk mehr Schaden zu: Die Grünen oder irgendwelche Spinner, die den Holocaust leugnen?
Proß meint offenbar: Die Grünen seien totalitär und schadeten dem deutschen Volk, die Holocaustleugner seien dagegen harmlose Spinner.
Anlass für diese Attacke war ein tagesschau-Beitrag, den Proß allerdings nicht verlinkt, sondern nur mit gekürztem Screenshot dargestellt hat. Dort liest man:
Sachsen-Anhalt ist das Bundesland, das pro Einwohner am meisten Geld aus der EU-Regionalförderung bekommt. Nun könnte in Magdeburg bald die AfD regieren. Eine Partei, die aus Sicht des Grünen-Europaabgeordneten Daniel Freund gegen das europäische Projekt und gegen die Europäische Union handelt – „und dann müsste die Europäische Kommission im Zweifel auch Gelder zurückhalten“.
Nach Wahlsieg der AfD: Stehen in Sachsen-Anhalt EU-Fördermittel auf dem Spiel?, tagesschau, 09.09.2026
Offensichtlich handelt es sich um eine Meinungsäußerung eines Europa-Abgeordneten, der freilich keine Entscheidungskompetenz hat, sondern lediglich beschreibt, was die EU seiner Ansicht nach tun sollte.
Guntram Proß hätte durchaus großmütig sagen können: „Das ist ein Spinner, aber warum sollte er sich nicht so äußern dürfen?“ Diese Milde zeigt er jedoch anscheinend nur gegenüber Antisemiten.
Einige weitere Beispiele belegen, wie drastisch sich Proß gegenüber anderen Leuten auszudrücken vermag, die den Holocaust nicht leugnen.
„Abschaum“, überall „Abschaum“
Transkription
1.) Die Linke feiert einen linksextremistischen Gewalttäter - und niemand ist überrascht. Linke definieren sich schon immer über Gewalt gegen Andersdenkende. Ihr seid purer Abschaum.
2.) Früher war Deutschland für seine Ingenieure international bekannt, heute für seinen journalistischen Abschaum.
3.) Natürlich stört es einen Grünen nicht, dass unzählige Menschen schwer gestürzt sind und erhebliche Verletzungen davon getragen haben, in einem Fall ist eine Person sogar querschnittsgelähmt. Grüne sind und bleiben menschenverachtender Abschaum.
4.) Die Linke im EU-Parlament macht sich mit dem linksextremistischen Gewalttäter Maja gemein und framet dessen Gewaltorgie auf unschuldige Bürger als "demokratische Pflicht".
Die Linke ist purer Abschaum!
Es ist absolut nachvollziehbar, dass jemand Gewalttäter und deren Sympathisanten scharf kritisiert. Wenn der Kritiker aber gleichzeitig gegenüber denen, die einen ganzen Völkermord leugnen, derart nachsichtig ist, entsteht ein ausgesprochen unschönes Bild.
Die AfD nimmt für sich in Anspruch, keine Toleranz gegenüber Antisemiten zu haben, und die Reaktionen von AfD-Politikern auf Holocaustleugnung sollten dementsprechend unmissverständlich ausfallen. Nicht so Guntram Proß: Er attackiert Grüne als totalitäre Demokratiefeinde und lässt Holocaustleugner in Ruhe. In seinen Postings konnte ich mit meinen Mitteln keine klare Ansage gegenüber den Leugnern des Völkermords finden.
Bei anderer Gelegenheit bezog Proß sich auf eine verwerfliche Äußerung einer Politikerin der Linken und meinte, Björn Höcke sei Opfer eines politischen Prozesses gewesen. Höcke hatte zweimal einen SA-Spruch benutzt und wurde zweimal verurteilt. Guntram Proß war nicht einverstanden und stellte gleich den ganzen Rechtsstaat infrage.
Redeverbot? – Kein Rechtsstaat.
Transkription
Angesichts der Debatte um ein Redeverbot für Björn Höcke, in deren Zuge die Linken auf seine Verurteilung in einem offensichtlich politischen Verfahren hinweisen, sei hier kurz daran erinnert, dass diese Dame von Die Linke nicht verurteilt wurde.
Wer Deutschland für einen Rechtsstaat hält, ist bemitleidenswert naiv.
Diese innere Kündigung gegenüber dem Rechtsstaat und die laxe Haltung gegenüber Antisemiten ist ein Indiz dafür, dass die Einordnung von Teilen der AfD als extremistische Bestrebung berechtigt ist.
Meine – natürlich nicht belegbare – Einschätzung geht übrigens dahin, dass Proß nicht aufgrund innerer Übereinstimmung mit den Leugnern, sondern opportunistisch handelt. Proß kann mit Holocaustleugnern gar nicht genauso hart ins Gericht gehen wie mit den Grünen.
Die AfD braucht ihre Extremisten, und das weiß er.
Update 11.09.2026 (am späten Abend)
Selbstverständlich habe ich Guntram Proß einen Link zu diesem Text gezeigt und ihn eingeladen, gegebenenfalls eine Erwiderung zu veröffentlichen. Er hat erwidert, allerdings nur auf X, und wie versprochen will ich nicht verheimlichen, was er mir vorgeschlagen hat:
„Haben Sie mal über eine Therapie nachgedacht?“