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Vermischtes und Aufgemischtes

Coudenhove-Kalergi: Irgendwo war ein Zitat Quelle, Quelle, du musst wandern

Der folgende Text ist schon sehr alt und war eine Reaktion auf eine Art literarische Schnitzeljagd. Die Personen sind nicht interessant, die Tricks sind immer noch aktuell. Wenn man Geschichtsfälscher und Schwurbler nach Quellen fragt, dann kann man was erleben. Der Titel ist geklaut; dies war der Kommentar einer Teilnehmerin, die das Umzugsdrama verfolgt hatte.


Eine offene hochgestellte altmodische Bücherkiste mit einem Bücherstapel. Im Boden fehlt ein Brett.

Irgendwo war eine Quelle.

Es war einmal ein Zitat, das „Hotte“ (Name verfremdet) in Usenet-Diskussionen öfter in seine Texte eingebaut hat. Er wollte damit zeigen, wie böse die Juden seien. Das ging ungefähr so:

Eine interessante Lektuere hierzu duerfte das Werk des franzoesischen Grossfreimaurers Coudenhave- Calergi sein, der in seinem Buch 'Pan Europa' schon 1923 u.a. schrieb:

„Fuer Deutschland wuensche ich mir eine eurasisch-negroide Zukunftsrasse unter Fuehrung der Juden.“

Hotte im letzten Jahrtausend im Usenet

[Anmerkung 2026: Die Tricks mit angeblichen Zitaten von Coudenhove-Kalergi sind bis heute ein beliebtes Motiv der antisemitischen Fälscher.]

Ich habe mich bei ihm erkundigt, woher er dieses Zitat hatte. Er bekräftigte, es sei aus Coudenhove-Kalergis Buch Paneuropa. Also habe ich mir das Buch Paneuropa von Coudenhove-Kalergi besorgt.

Titelblatt eines alten Buchs

Richard Coudenhove-Kalergi, Paneuropa

Das Zitat war nicht drin.

Ich wollte daraufhin wissen, ob ich das Zitat vielleicht nur übersehen hätte und ob Hotte mir die richtige Seitenzahl nennen könnte. Nach einigem Hin und Her meinte er, er könne leider gerade nicht nachsehen, weil das Buch wegen seines bevorstehenden Umzuges bereits eingepackt sei.

Das hat sich im August/September 1996 eine Weile dahingeschleppt. Im Laufe der Zeit haben auch einige andere Teilnehmer Hotte nach seinen Umzugskartons gefragt, woraufhin er im Oktober 1996 etwas ungnädig meinte:

Sie wissen ueber die Umstaende der Verzoegrung meines Umzugs absolut nichts.

Im September 1996 begründete Hotte die Verzögerung damit, dass sein neues Haus noch nicht fertig sei. Das fand ich seltsam, denn er hatte bereits im Februar 1996 im Rahmen einer anderen Diskussion geschrieben:

I have all the documentation about this available but due to a recent move, my entire Library is still in storage.

[Ich habe alle Dokumentationen dazu, aber wegen eines kürzlich erfolgten Umzuges ist meine ganze Bibliothek noch eingelagert]

Demnach hätte Hotte im Februar 1996 kurz nach seinem Umzug die Bücher noch eingelagert gehabt, weil sein neues Haus im September/Oktober 1996 noch nicht fertig war. (Schon gut, ich weiß selbst, wie seltsam das klingt. Ich fand es damals auch seltsam.)

Irgendwann war es dann aber so weit. Im Dezember 1996 hat Hotte endlich nicht ganz fehlerfrei ausgepackt:

Die von mir geposteten Zitate von Coudenhove- Kalergi sind korrekt. Allerdings hatte ich als Quelle sein 1923 erschienenes Buch Paneuropa angegeben. Da es Jahre her ist seit ich das Buch gelesen habe und aus dem Gedachnis zitiert hatte, war es ein Irrtum meinerseits dieses Buch als Quelle zu zitieren. Dafuer entschuldige ich mich hiermit. Was ich zitiert hatte schrieb Graf Coudenhove -Kalergi in der Wiener „Freimaurerzeitung Nr. 9/10, 1923“ wie folgt:

" Der kommende Mensch der Zukunft wird ein Mischling sein. Fuer Paneuropa wuensche ich mir eine eurasisch- negroide Zukunftsrasse, um die Vielfalt der Persoenlichkeiten herbeizufuehren. Die Fuehrer sollen die Juden stellen, denn eine guetige Vorsehung hat Europa mit den Juden eine neue Adelsrasse von Geistes Gnaden geschenkt...... . Der Mensch der fernen Zukunft wird ein Mischling sein.... . Die Folge ist, dass Mischlinge vielfach Charakterlosigkeit, Hemmungslosigkeit, Willensschwaeche, Unbestaendigkeit, Pietaetslosigkeit, und Treuelosigkeit..... verbinden."
(Ende Zitatsauszug)

Ich habe nachgefragt, ob das jetzt aber auch ganz ehrlich die richtige Quelle sei, denn ich wollte das wirklich gern nachlesen. Jawohl, die Angabe sei korrekt, meinte Hotte:

Ich habe Dir die Primaerquelle genannt und das duerfte genuegen.

Also habe ich mir die Primärquelle besorgt. In Bayreuth gibt es ein Freimaurermuseum, das sehr hilfsbereit war und mir eine Fotokopie der Wiener Freimaurerzeitung 9/10 von 1923 geschickt hat.

Ein Ausschnitt des Titelblatts der Zeitschrift

Wiener Freimaurerzeitung 9/10 1923

Das Zitat war nicht drin.

Im März 1997 (es hat sich wirklich über längere Zeit dahingeschleppt) ist Helmut F. dann auf die Idee gekommen, seinem Freund Hotte wenn schon nicht beim Umziehen, dann doch wenigstens beim Zitieren zu helfen. Also hat Helmut F. eben dieses Zitat von Coudenhove-Kalergi noch einmal eingestellt.

Und natürlich verwies er auf die gerade genannte Quelle, in der es nicht zu finden ist. Außerdem mit leicht abweichendem Wortlaut, was ich angesichts der angeblich identischen Quelle erstaunlich fand.

Besonders erschwert wurden meine Nachforschungen dadurch, dass Helmut F. bereits im Oktober 1996, als Hotte noch unsicher war, ob er noch nicht oder doch schon längst umgezogen wäre, eben dieses Zitat unter Nennung einer ganz anderen Quelle angeboten hatte:

In seinem Buch Praktischer Idealismus (1925) plädiert Coudenhove-Kalergi für eine _eurasisch-negroide Mischrasse_ in Europa und weltweite _jüdische Dominanz._

Diese Angabe wurde im April/Mai 1997 von einem anderen Holocaust-Leugner bestätigt. Kurz danach habe ich dann auch den Text, der angeblich von Coudenhove-Kalergi stammte, auf den Webseiten des neonazistischen Thule-Netzes gefunden. Dort hatten ihn die Herren vermutlich herauskopiert.

Das hat mir als Bestätigung gereicht, und ich habe mir das Buch Praktischer Idealismus besorgt, in dem das Zitat nun endlich stehen sollte.

Titelblatt eines alten Buchs

Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus, 1925

Das Zitat war … nein, eigentlich war es nicht drin.

Das Textstück, das ich oben in Hottes Zitierweise mit seinen zahlreichen Auslassungspunkten wiedergegeben habe, stammt zwar überwiegend aus Coudenhove-Kalergis Buch mit dem Titel Praktischer Idealismus, aber an mindestens einer Stelle erstreckt sich eine der Auslassungen über einen Bereich von mehr als zwanzig Seiten.

Die Stelle mit der „eurasisch-negroiden Zukunftsrasse“ steht auf Seite 23:

Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein. Die heutigen Rassen und Kasten werden der zunehmenden Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer fallen. Die eurasisch-negroide Zukunftsrasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlichkeiten ersetzen.

Richard von Coudenhove-Kalergi
Praktischer Idealismus, S. 23

Kein Wort davon, dass Coudenhove-Kalergi für diese Zukunftsrasse plädiert. Er prophezeit lediglich, dass es seiner Ansicht nach so kommen werde. Ob er das gut oder schlecht findet, kann man an dieser Stelle nicht erkennen.

Der Teil des „Zitats“, der sich auf die „Mischlinge“ bezieht (siehe oben), ist im Buch Praktischer Idealismus nicht dahinter, wie bei Hotte, sondern drei Seiten vorher zu finden:

In der Regel ist der Urbanmensch Mischling aus verschiedensten sozialen und nationalen Elementen. In ihm heben sich die entgegengesetzten Charaktereigenschaften, Vorurteile, Hemmungen, Willenstendenzen und Weltanschauungen seiner Eltern und Voreltern auf oder schwächen einander wenigstens ab. Die Folge ist, daß Mischlinge vielfach Charakterlosigkeit, Hemmungslosigkeit, Willensschwäche, Unbeständigkeit, Pietätlosigkeit und Treulosigkeit mit Objektivität, Vielseitigkeit, geistiger Regsamkeit, Freiheit von Vorurteilen und Weite des Horizontes verbinden.

Richard von Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus, S. 20f

Man beachte die Auslassungen in Hottes Darstellung, die eher etwas über ihn selbst als über Coudenhove-Kalergi sagen.

Der Abschnitt mit der jüdischen „Adelsrasse“ steht wieder ganz woanders und in einem völlig anderen Kontext. Ab Seite 49 vertritt Coudenhove-Kalergi die Ansicht, dass Juden aufgrund ihrer schwierigen Situation gar keine andere Wahl gehabt hätten, als einen Adel des Geistes herauszubilden:

So ging schließlich aus all diesen Verfolgungen eine kleine Gemeinschaft hervor, gestählt durch ein heldenmütig ertragenes Martyrium für die Idee und geläutert von allen willensschwachen und geistesarmen Elementen. Statt das Judentum zu vernichten, hat es Europa wider Willen durch jenen künstlichen Ausleseprozeß veredelt und zu einer Führernation der Zukunft erzogen. Kein Wunder also, daß dieses Volk, dem Ghetto-Kerker entsprungen, sich zu einem geistigen Adel Europas entwickelt. So hat eine gütige Vorsehung Europa in dem Augenblick, als der Feudaladel verfiel, durch die Judenemanzipation eine neue Adelsrasse von Geistes Gnaden geschenkt.

Richard von Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus, S. 50

Die Verfolgung der Juden habe also diese „Adelsrasse“ überhaupt erst entstehen lassen, meint Coudenhove-Kalergi. Man mag das übertrieben romantisierend, pathetisch oder sogar schlichtweg falsch finden, aber wenn man sich schon die Mühe macht, diese uralten Ideen unter die Lupe zu nehmen, dann sollte man wenigstens das zitieren, was in den Büchern steht.

Möglicherweise kann man sogar herauslesen, dass Coudenhove-Kalergi sich diese Entwicklung gewünscht hat. Das mag man kritisieren, aber von der Meinungsäußerung eines einzelnen Autors bis zum berüchtigten „Kalergi-Plan“, der in manchen antisemitischen bzw. völkisch-rassistischen Umvolkungslegenden vorkommt, ist es ein weiter Weg, den noch niemand beschritten und beschrieben hat.

Mitunter wird der „Kalergi-Plan“ dem Judentum angelastet; manche behaupten sogar wahrheitswidrig, Coudenhove-Kalergi sei selbst Jude gewesen.

Kritiklos die Textbausteine von rechtsextremistischen Web-Seiten zu kopieren, wie es die oben zitierten Herren getan haben, ist ganz sicher nicht der richtige Weg. Damit zeigen sie nur, dass nicht etwa sachlich fundierte Kritik, sondern Hetze gegen Juden ihr Anliegen ist.

Kurz und gut, man kann auch in Bezug auf das zuletzt erwähnte Buch sagen: Das Zitat steht nicht drin. Jedenfalls nicht so, wie es von den Herren Holocaust-Leugnern „zitiert“ wird.

Und jetzt sitze ich auf lauter Büchern, in denen das Zitat nicht steht, und fürchte mich vor dem nächsten Umzug.

Siehe auch: