Drei Bücher, keine Quelle Wie man Bücher zitiert, die man nicht kennt
Die Anekdote ist sehr alt. Die Lehre, die man daraus ziehen kann, ist aktuell wie nie: Nach ihren Quellen zu fragen, ist beinahe das Schlimmste, was man Schwurblern und Fälschern antun kann. Das Allerschlimmste ist: Die Quellen lesen und das Ergebnis transparent machen.
Im April 1997 gab es im Usenet eine Diskussion über die Auswanderung von Juden während der Nazizeit. Dort hat „Hotte“ (Name verfremdet) folgendes verbreitet:
Die Haelfte der Juden war bereits aus dem Reich ausgewandert und sie konnten ihr ganzes Vermoegen mitnehmen. Zusaetzlich wurden noch 100 Millionen Reichsmark aus dem juedischen Besitz fuer das Transfer-Agreement zu Aufbau Israels bereit gestellt und ausgezahlt.
(siehe dazu:
1. Hitler und der Zionismus: Das 3.Reich und die Palaestina Frage 1933 -1939 von Prof. Francis R.Nicosia;
2. The Transfer Agreement by Edwin Black;
3. The Transfer Agreement and the Boykott Fever 1933 by Udo Walendy.
Quelle Nr. 2 hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits gelesen. Ich wies darauf hin, dass in diesem Buch das Gegenteil von dem steht, was Hotte behauptet hatte. Aus Edwin Blacks Buch geht hervor, dass viele Juden nicht bereit waren, Deutschland zu verlassen, weil sie ihr Vermögen nicht mitnehmen durften. Quelle Nr. 3 ist völlig indiskutabel. Der „Revisionist“ Udo Walendy hat so getan, als würde er Edwin Blacks Buch besprechen. Ich habe dann seine Buchbesprechung besprochen [vgl. Udo Walendy: Edwin Black, The Transfer Agreement].
Zusätzlich habe ich noch ein weiteres Buch herangezogen, in dem von einem Rundbrief des Auswärtigen Amtes vom Januar 1939 an alle deutschen Stellen im Ausland die Rede war. Man erfährt dort,
[…] dass es sich bei diesen Verfolgungen nicht so sehr darum handle, die Juden loszuwerden, als den Antisemitismus in die westlichen Länder, in denen Juden Zuflucht gefunden haben, zu tragen. […] Dabei wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es im deutschen Interesse liege, die Juden als Bettler über die Grenzen zu jagen, denn je ärmer der Einwanderer sei, desto größer die Last für das Gastland.
Wolfgang Benz (Hrsg.), Die Juden in Deutschland 1933-1945, C. H. Beck, München, 1993, S. 426
Eigentlich hätte das reichen müssen. Es hat aber nicht gereicht, denn Hotte war ein „revisionistischer Wahrheitssucher“, der sich durch ein paar läppische Fakten nicht von seiner Meinung abbringen ließ. Auf das Zitat von Benz ist er überhaupt nicht eingegangen, und das Buch von Black hat er folgendermaßen erledigt:
Dann lies doch mal Nicosia, der kein Jude ist und somit kein direktes Selbstinteresse an der Sache hat. Black ist Jude.
Das ist hübsch: Hotte beruft sich auf ein Buch, das er nicht kennt. Sobald er von mir erfährt, dass in dem Buch nicht das steht, was seiner Ansicht nach hätte drinstehen müssen, kommt er auf die Idee, das vorher brauchbare Buch sei nun doch nicht brauchbar, weil der Autor Jude sei.
Mir ist natürlich klar, dass ich mich irren und etwas übersehen kann. Ich habe ihn deshalb mehrmals gebeten, mir doch die Seitenzahlen zu nennen, auf denen zu finden ist, was er behauptet hat. Diese Aufforderungen hat er aber leider nicht mit Seitenzahlen, sondern mit Bemerkungen wie der folgenden beantwortet:
Weisst Du, Langowski, Du kannst mich nicht in Deine Kabbalistik verwickeln. Um Dir ein genaues Bild machen zu koennen, was damals mit dem Vermoegen geschah, nuetzt es nicht eine Seite aus einem Buch zu zitieren, sondern man muss die Zusammenhaenge von allen Seiten ansehen und unterschiedliche Gesichtspunkte und Rueckschluesse in ihrer Gesamtheit interpretieren.
Ich hätte ja wirklich gern über die Gesamtheit und unter Berücksichtigung aller möglichen Gesichtspunkte diskutiert, aber um das zu tun, hätte ich eben wissen müssen, wo die Gesamtheit steht und welche Gesichtspunkte er überhaupt meinte. Er hat in dieser Hinsicht aber das gemacht, was man in den USA als „to take the Fifth“ bezeichnet. Er hat die Aussage verweigert.
Natürlich habe ich nicht locker gelassen und immer wieder nach den Seitenzahlen gefragt. Nach einer Weile meinte Hotte dann etwas entnervt:
Ich habe _3_ Buecher, darunter auch Edwin Black zitiert. Wiederholt habe ich auch ganz klar gesagt, dass Du die 3 Buecher u.a. auch Professor Francis Nicosia: Das 3.Reich und die Palaestina Frage lesen sollst. Warum hackst Du auf Black herum wenn Du Nicosia nie gelesen hast? Deine Verdrehungstaktik stinkt zum Himmel.
Zitiert hatte er ja genaugenommen nicht – von April 1997 bis Mitte 1999 hat er keine einzige Zeile aus einem der drei Werke wörtlich wiedergegeben –, aber ich dachte, wir wollen mal nicht so sein.
Black und Walendy hatte ich inzwischen schon gelesen. Bei Walendy hatte ich überhaupt nichts Passendes gefunden, bei Black sogar das Gegenteil von dem, was Hotte behauptet hatte.
Also Nicosia.
Ich habe das Buch von F. Nicosia gelesen, das Hotte – sagen wir mal – „zitiert“ hatte. In Nicosias Buch stand ungefähr das Gleiche wie bei Black: Die deutschen Juden wurden systematisch ausgeplündert, und wer auswandern wollte, durfte höchstens einen Bruchteil seines Vermögens mitnehmen.
Ich habe Hotte dann noch einmal darauf hingewiesen, dass mir inzwischen alle drei Quellen zur Verfügung standen und ihn erneut gebeten, seine Behauptungen anhand von Seitenzahlen und Zitaten zu belegen.
Darauf hat er mir geantwortet, aber nur per Email und ein wenig einsilbig. Seine Antwort war ganze zwei Zeilen lang. Seitenzahlen standen nicht drin. Am nächsten Tag hat er dann öffentlich erklärt, dass er jederzeit bereit ist:
Zu diskutieren jederzeit bereit. Aber nur mit einem _diskussionswuerdigen_ Diskutanten. Als bezahlter „Holocaust“ Propagandist erfuellst du nicht das Kriterium.
Daraus lerne ich: Lesen ist für Hotte sehr unangenehm; das macht in seinen Augen nur jemand, der dafür bezahlt wird. Mit solchen Leuten diskutiert er aber nicht, weil sie bezahlte Agenten seien, die sowieso lügen – woraus natürlich folgt, dass Hotte in Diskussionen mit diesen Leuten immer recht hat.
Das „Kriterium“ erfüllen dagegen diejenigen, die genau wie Hotte lieber nicht nachlesen, was Hotte so „zitiert“, woraus man selbstverständlich schliessen muss, dass Hotte in Diskussionen mit diesen Leuten immer recht hat.
Hinzu kommt noch, dass Hotte in jener Diskussion nicht nur die Logik, sondern auch die gesamte Geschichtswissenschaft auf seiner Seite wusste:
Meine Methode der Beweisfuehrung beruht auf Fakten: deine dagegen auf Luegen und Phantasie. Das ist der Unterschied!
Diese Art der Beweisführung ist einfach unschlagbar. Ich wüsste nicht, was man dagegen noch einwenden sollte.
Aber immerhin: Während dieser Diskussion ist Hotte kein einziges Mal umgezogen.