miscelle
Vermischtes und Aufgemischtes

Die drei Grazien Gemeinsam sind sie unausstehlich

Neonazis kapern öffentliche Räume. Sie taten es früher, sie tun es heute noch und wollen erreichen, was sie sich unter „Lufthoheit“ vorstellen. Sie wollen mitunter eine Situation herstellen, in der sie möglichst ungestört Antisemitismus und Holocaustleugnung verbreiten können. Im Folgenden sind die Namen verfremdet, weil nur die Methoden und nicht die Personen interessant sind.

Manchmal treten sie als Solokünstler auf und zeigen erstaunliche Pirouetten.

Der Eiskunstläufer trägt Anzug, Fliege und einen weißen Hut und setzt mit erhobenem linkem Bein zu einem Sprung an.

Jack Dunn beim Training, Olympia 1936, Cigaretten-Bilderdienst, S. 37; unbekannter Fotograf

Manchmal bringen sie Freunde mit und agieren mit verteilten Rollen. Einem ganz bestimmten infernalischen Trio bin ich nie persönlich, sondern nur virtuell im Usenet begegnet. Ich weiß nicht, wie sie wirklich aussahen, aber so habe ich sie mir damals vorgestellt.

Drei Brustbilder eher unfreundlich dreinblickender Männer. Links hager, Mitte eher drall und gedrungen, rechts Beamtentyp mit Brille und Uniform

Links: „Leistungsmensch und Haltung eines Menschen, der immer bereit ist zum gestaltenden Vorstoß in die Welt“; Quelle: L. F. Clauß, Rasse und Seele, Büchergilde Gutenberg, Berlin 1938, S. 15. Mitte: „Verharrungsmensch […] Im Baustil der leiblichen Gestalt beherrscht die Waagerechte.“ (Clauß, S. 35). Rechts: eigentlich Reichsleiter Fiehler (u.a. Schriftgelehrter des NS-Arbeitervereins). Quelle: Das Führerkorps des Dritten Reiches, Gauverlag Bayerische Ostmark

Manni und Hotte waren Deutsch-Amerikaner und haben offen den Holocaust geleugnet. Dies ist in den USA nicht strafbar, und solange sie Europa nicht besucht haben, konnte ihnen nichts passieren. Hajott war nach Neuseeland ausgewandert und studierte dort Germanistik. Er wollte wohl irgendwann nach Deutschland zurückkehren und war vorsichtiger: „Du wirst keine Zeile von mir finden, in der ich Auschwitz leugne.“ Der Mann war hier erfrischend ehrlich. Er bestritt nicht, dass er insgeheim wohl doch den Holocaust leugnete. Er sagte lediglich, dass er sich nie dabei erwischen lassen würde.

Germanistische Blutgrätschen

Der Ablauf war oft so: Hotte und Manni haben bösartige antisemitische Texte verbreitet und sind auf Widerspruch gestoßen. Manche Antworten waren begreiflicherweise sehr emotional. Daraufhin hat sich Hajott als Beinchensteller eingeschaltet und seine zweifellos vorhandenen sprachlichen Fähigkeiten benutzt, um die ohnehin schon aufgeregten Diskussionsteilnehmer nach kleinen Fehlleistungen genüsslich vorzuführen.

Seine provozierenden Usenet-Artikel waren oft hochnäsig-belehrend und mit Fachwörtern gespickt. Außerdem zettelte er immer wieder endlose Diskussionen über Nebensächlichkeiten an. Das Kalkül: Solange sich alle mit meinen grammatischen Spitzfindigkeiten beschäftigen, bleibt die Auschwitzleugnerei unwidersprochen im Raum stehen.

Positive Unterstellungen

Heimliche Helfer wie Hajott sind besonders unangenehm, weil sie nicht explizit sagen, wo sie stehen, und nur darauf lauern, die Opferrolle einnehmen und die ganze Diskussion kippen zu können. Hier ist es ihm beinahe gelungen:

Nun merke mal gut auf, Du glatzkoepfiger Dummschwatz: langsam reichen mir Deine daemlichen Anspielungen in Zielrichtung Nazi! Wenn Du glaubst, Du haettest das Diffamierungsmonopol, dann irrst Du gewaltig.

Hajott im Usenet

Direkte Anschuldigungen wie „Du bist doch auch nur ein Nazi!“ sind tatsächlich wenig hilfreich. Was man aber tun kann: Das Gegenteil behaupten und ganz selbstverständlich und transparent davon ausgehen, Hajott sei natürlich ein Demokrat, der Holocaustleugnung und Antisemitismus genauso verabscheut wie alle anderen vernünftigen Menschen. Wenn er dann aber ausweicht und sich nicht festlegen will, darf man natürlich auch anmerken, dass er wohl mit Selbstverständlichkeiten ein Problem hat.

Positive Unterstellungen, die jeder vernünftige Mensch sofort unterschreiben würde, sind beinahe das Schlimmste, was man Menschenfeinden antun kann. Rassisten machen gern die Hautfarbe zum Kriterium. Wenn sie selbst Farbe bekennen sollen, erbleichen sie manchmal.

Auch wenn allen Beteiligten längst klar ist, wo jemand wie Hajott steht, sollte man sich immer an das halten, was zurechenbar ist, also an das, was die betreffende Person selbst gesagt und getan hat. Solchen Leuten die Opferrolle vorzuenthalten bedeutet, ihnen die Komfortzone zu verweigern.

Vorsicht, Falle!

Manchmal stellen sie Fallen.

Hajott hat seine Postings manchmal als „H J [Nachname]“ gezeichnet. Vermutlich hat er darauf gelauert, dass jemand ihm anhand seiner Vornamen vorwarf, er redete ja auch wie ein Funktionär der Hitlerjugend (HJ). Daraufhin hätte er sich dankbar auf die Opferrolle zurückgezogen: So seien die Linken eben, sie würden ständig alle möglichen Leute als Nazis beschimpfen, dabei hätte er doch gar nicht … und so weiter.

Einige haben ihn dann allerdings „Hajott“ genannt, was eigentlich genau das ausdrückte, worauf er lauerte – nur eben genauso wenig explizit ausgesprochen wie von ihm selbst. Wenn da einer seine Initialen hinschreibt, wird man sie doch auch benutzen dürfen, und wir haben doch gar nicht … oder?

Er war intelligent genug, um zu erkennen, dass jemand seine Falle durchschaut hatte, und klug genug, vorsichtshalber nichts dazu zu sagen.

Spontane Lesehemmung

Nachdem er allzu viele unwiderlegbare Quellen zum Holocaust gesehen hatte, war Hotte eines Tages sehr wütend, und sein Traditionsbewusstsein trat ungehemmt zutage. Er fand, man müsse jemanden, der ihm widersprochen hatte, am Fleischerhaken aufhängen; dies hatte Hitler für die Attentäter des 20. Juli 1944 angeordnet, und dies hatte die SA schon 1933 mit politischen Gegnern getan.

Ein Teilnehmer hakte bei Hajott nach: „Ich habe Dir meinen Artikel zu Hottes Entgleisungen gepostet.“ Hajott meinte dazu: „Der ist unbesehen in den Abfalleimer gewandert“, um direkt danach zu ergänzen, er lese „nur sehr selten Nachrichten von oder an Hotte“.

Ein interessantes Phänomen dieser Diskussionen war die Tatsache, dass manche Teilnehmer immer schon vorher genau wussten, was sie hinterher nicht gesehen haben wollten.

Seine offensichtlich unwahre Behauptung, manche Dinge (genauer: ganz bestimmte Dinge) nur sehr selten zu lesen, war wiederum eine Einladung, Tausenden Abonnenten der Gruppe und vor allem Hotte ausführlich zu erklären, dass Hajotts Bemerkungen nicht völlig frei von inneren Widersprüchen waren. Hajott blieb nichts anderes übrig, als ohnmächtig zuzuschauen, wie zahlreiche Schüsse über Bande einschlugen, die sein nicht ganz so geschickter Freund Hotte nicht immer abfangen konnte.

Ein Eishockeytorwart liegt vor dem Tor am Boden, rundherum angreifende Spieler.

Hotte fand die Situation unhaltbar. Quelle: Olympia 1936, S. 22

Strategisch vorgehen

Was sich hier liest wie ein neckisches Spielchen, ist tatsächlich eine wirkungsvolle Strategie, um die Agitatoren aus der Reserve zu locken.

Leugner, Geschichtsfälscher und antisemitische Verschwörungsfantasten geben sich manchmal harmlos und wollen „nur mal eine Frage stellen“. Da sie aber ein Weltbild haben, das auf Vorurteilen und falschen Annahmen beruht, argumentieren sie früher oder später zwangsläufig irrational und unlogisch. Wenn sich zwei oder drei von ihnen im Paarlauf versuchen, potenziert sich die Zahl der Widersprüche. Sie wollen sich gegenseitig unterstützen, liefern aber selbst das Material, um sie gegeneinander auszuspielen.

Es ist sehr effektiv, ruhig, sachlich und sogar ausnehmend höflich zu reagieren. Man muss ihnen gar keine Vorwürfe entgegenschleudern – es reicht völlig, ihnen dabei zu helfen, sich so zu zeigen, wie sie wirklich sind. In jedem Menschenfeind stecken logische Ungereimtheiten, und die wollen raus. Dabei helfen wir gern.

Der Lackmustest