Deutsches Blut
Es ging mal wieder um völkisch-rassistische Vorstellungen von dem, was Deutsch oder nicht Deutsch sei. Dazu ziehen manche Leute den Artikel 116 des Grundgesetzes heran. Dort ist zwar die Rede von Abstammung und Volkszugehörigkeit, doch die Argumentation der Völkischen ist irreführend.
Der Artikel 116 war nur für einen sehr spezifischen Personenkreis relevant, bei dem die Anerkennung als Deutscher im Sinne des Grundgesetzes oder die formale Einbürgerung erleichtert/nachträglich sichergestellt werden sollte. Für alle anderen gilt einfach: Deutscher ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit hat.
Das ist die formale Seite.
Davon abgesehen, kann es ein juristisch nicht exakt fassbares Zugehörigkeitsgefühl geben. Das ist zu respektieren, weil uns das Grundgesetz solche Freiheiten lässt, hat aber abgesehen von den Empfindungen der Betroffenen keinerlei Auswirkungen nach außen. Auf dieser Ebene ist das „deutsch sein“ und „deutsch fühlen“ in etwa genauso bedeutsam wie die Verbundenheit mit einem westfälischen Heimatverein oder die Mitgliedschaft in einem Swingerclub.
Das mögen manche Leute gar nicht, und manchmal werden sie laut. Wenn es allzu ausfallend wird, interessiert sich mitunter auch der Verfassungschutz dafür. Dann werden sie besonders laut.
Deutsches Blut muss es sein
Transkription des X-Postings
Scheiß auf den Verfassungsschmutz. Wer keinen Tropfen deutsches Blut hat, ist kein deutscher, dann ist man Staatsangehöriger...
Das Völkische spielt sich vornehmlich im Bauch ab. Da es aber um den Status anderer Menschen gehen soll, muss man fair und mit objektiven, nachvollziehbaren Kriterien arbeiten. Letzten Endes ist das Grundgesetz entscheidend, und da gibt es kein Bauchgefühl, sondern klare Regeln. Das sollte die folgende Frage herausarbeiten:
Was genau verbinden Sie eigentlich mit „deutsch sein“? Also nicht negativ in Abgrenzung von etwas anderem, sondern positiv im Sinne von Inhalten? Und an welchen Markern im Blut kann man das erkennen, was Sie am „deutsch sein“ positiv finden?
Die Antwort war etwas ungnädig: „Da ist es schon wieder, die stetig gleichen Fragen. Germanische Geschichte Mal ein wenig lesen und nicht nur bis zum dritten Reich!“
Germanische Geschichte ist lange her und war viel eher tausendjährig als das, was Gauland einen Vogelschiss nannte. Deshalb ist das chronologische Lesen bis zum Dritten Reich mit „nicht nur“ höchst unzulänglich beschrieben. Es ist ja wirklich eine sehr große Strecke, die wir da zurückgelegt haben. Vielleicht meinte er aber auch, das Lesen geschehe sozusagen geschichtsrevisionistisch oder rückwärtsgewandt. Dann hätte das „nur“ einen Sinn. Allerdings ist rückwärts lesen nicht immer sinnstiftend.
Wie auch immer, wenn man etwas genau wissen will, dann fragt man tunlichst nach ergiebigen Quellen.
Ich lese das gern nach. Könnten Sie mir ein paar Buchtitel oder Webseiten nennen, wo ich möglichst konkret das finde, was Sie mir sagen möchten? Bin wirklich neugierig.
Das war keine Quelle, sondern knochentrockene Verweigerung.
Die Blockfunktion ist das Ohropax der sozialen Netzwerke.
Der böse Türke
Nach den niedersächsischen Kommununalwahlen am 13. August 2026 meinte jemand über den Wahlsieger Belit Onay in Hannover:
(Os)-Manische Weltuntergangsfantasien
Transkription
So Hannover ist an einen Muslim gefallen, Onay ist der Sohn Türkischer Gastarbeiter
Eine weitere Großstadt gefallen
Offensichtlich ging es hier nicht um gute oder schlechte Leistungen des Bürgermeisters, sondern um dessen Abstammung, um das „Blut“, und das war „Ganesha“ anscheinend nicht deutsch genug.
Jemanden aufgrund seiner Vorfahren und nicht anhand seines Verhaltens negativ zu beurteilen, ist mindestens tendenziell rassistisch, zumal türkischstämmige Menschen oft auch eine etwas dunklere Hautfarbe haben als diejenigen, die sich für reinrassige Germanen halten.
Prompt kam der Einwand eines anderen Teilnehmers: „Es gibt keine Menschenrassen.“
Das ist völlig richtig, hat aber Rassisten noch nie gestört.
Ein weiterer Teilnehmer wollte die Diskussion unbedingt auf die schlimmen Dinge verlagern, die im Koran stünden. Um daraus ein Argument zu machen, musste er allerdings erstens ignorieren, dass Onay sich selbst als liberalen Muslim beschrieb, und zweitens unterstellen, dass sich der nach sechs Jahren wiedergewählte Bürgermeister einer deutschen Großstadt benimmt wie ein islamistischer Fundamentalist.
Jemand anders meinte: „Rassismus = Mustererkennung + Erfahrung“.
Der Behauptung, dass auch die Verfolgung und Vernichtung der „jüdischen Rasse“ auf Erfahrungen und einer ganz rationalen Einschätzung beruhte, hätten einige berühmte Verbrecher sicherlich sofort zugestimmt.
Und natürlich musste auch noch dies kommen: „Wenn Hannover gut da stünde würde ich zustimmen. Tut es aber wirklich nicht. Und lassen Sie den kindischen Quatsch mit ‚Deutschem Blut‘. Das ist albern und Nazi-Tourette.“
Es ist wohl eher eine geschichtsvergessene Verharmlosung, wenn man im heutigen Deutschland Rassismus sieht und nicht an die deutsche Diktatur denkt.
Bett, Brot und Seife
In einem anderen Thread machte sich jemand Björn Höckes Forderung zu eigen, Migranten nur noch mit „Bett, Brot und Seife“ zu versorgen. Das stieß auf begeisterte Zustimmung. Einer antwortete darauf und brachte auch gleich noch seine Abneigung gegen Juden mit ins Spiel.
Jüdisches Unkraut?
Transkription
Würden wir das Bürgergeld für Migranten komplett auf Bett, Brot u. Seife zusammenstreichen, würden wir die Entwicklungshilfe komplett einstellen und würden wir den NGO-Komplex auf Null Cent stellen, wir hätten jährlich ca. 90 Mrd. € gespart u. das ist noch konservativ gerechnet.
Antwort als Grafik (eigene Übersetzung):
Packt das Unkraut bei den Wurzeln
Islamische Einwanderung
Jüdische NGOs
Dieser Gedanke taucht auch bei Johannes Rothkranz auf: Angeblich seien Juden die Drahtzieher hinter einem islamistischen Angriff auf die westliche Welt.
Der oben zitierte Ersteller des Threads schrieb sich „Römisch katholisch konservativ & christlichsozial ist kein Widerspruch“ in sein X-Profil und nahm außerdem die Israel-Flagge mit auf.
Es lag nahe, ihn auf dieses antisemitische Posting aufmerksam zu machen: Wenn er es mit seinen Werten ernst meinte, möge er doch bitte umgehend dieser Art von Applaus von der falschen Seite entgegentreten. Er reagierte tatsächlich.
Ja, er meint es ernst.
Unnötig zu betonen, dass hier niemand eingeschritten ist, der sich als AfD-Sympathisant zu erkennen gab.
Wegducken
Der zuletzt genannte Teilnehmer war nicht bereit, sich von antisemitisch gefärbtem Beifall klar zu distanzieren. Sein Verhalten (obwohl eher der CDU zugeneigt) entspricht dem, was auch die AfD jeden Tag bestätigt. Sie zeichnen sich konservativ-demokratisch, sind aber im konkreten Fall nicht bereit, ihre Haltung gegenüber Menschenfeinden offensiv zu vertreten.
Anscheinend stört es die stillen Zuschauer nicht, wenn jemand, der eigentlich auf ihrer Linie liegt, ebendiese Linie verlässt. Und manchmal werden die Funktionäre sogar ungnädig, wenn sie von den eigenen Leuten auf ihre eigenen Grundsätze hingewiesen werden [vgl. Tobias Teich, Unvereinbarkeit? Nicht mit mir].